Neustädter Tagung

68. „Neustädter Tagung“ vom 23. -25. September 2016

Freitag, 23. September 2016: 15.30 Uhr: Wilhelm Otto Keller M.A., Miltenberg: „Der Übergang der hessen-darmstädtischen Ämter Miltenberg, Amorbach und Kleinheubach an das Königreich Bayern 1866“

Durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurden die seit dem Mittelalter ziemlich stabilen territorialen Verhältnisse am südwestlichen Mainviereck durcheinander gewirbelt. Die Veränderungen dauerten noch weiter an. 1806, 1810 und 1816 wechselten die Landesherren. Die Ämter Miltenberg und Amorbach hatten innerhalb von 13 Jahren von 1803 bis 1816 fünf verschiedene Regenten. In Kleinheubach dauerte dies sogar nur ein Jahrzehnt von 1806 bis 1816. Weder die Fürsten zu Leiningen noch die zu Löwenstein hatten dabei mitzureden, geschweige denn die Untertanen.

Während die beiden Fürstenhäuser auf die Bevölkerung der Ämter Amorbach und Kleinheubach einen mäßigenden Einfluss im Sinne der Münchner Regierung ausüben konnten, lehnten sich die Miltenberger Bürger gegen den Bedeutungsrückgang ihrer Stadt auf. Unter den politisch Denkenden überwogen Anhänger der deutschen Einheitsbewegung. Der seit 1828 bestehende „Democratische Club“ spielte eine große Rolle. Während der Revolution 1848/49 galt Miltenberg als „Herd des Aufruhrs“ und war mehrfach von bayerischen Truppen besetzt. Erst die Reichsgründung 1871 und der populäre Prinzregent Luitpold bewirkten eine Annäherung an die Wittelsbacher.

Dr. Dr. Scheibe bei seinem Referat über Schinderhannes

Der Referent bei der Präsentation eines Gewehres aus der Schinderhannes-Zeit im Anschluss an sein Referat

Freitag, 23. September 2016: 16.30 Uhr: Dr. Dr. Mark Scheibe, Historische Kommission der Rheinlande 1789-1815: „Die regionalen Berichte zu Schinderhannes im Odenwald“

Mangroven, Krokodile, Malaria und Gelbfieber. Wer denkt schon bei diesen Worten an Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, und seine Mittäter? Vielmehr kommt bei diesem Namen der Schauspieler Curd Jürgens vor Augen, der 1957 im gleichnamigen Kinofilm einen charismatischen Räuberhelden und Freiheitskämpfer im Hunsrück spielte. Doch das war der „echte“ Schinderhannes tatsächlich nicht, und beileibe nicht nur ein Hunsrücker. Der junge Bückler strebte nach Höherem – der Mitgliedschaft in der rheinischen Mafia, der sogenannten Niederländer Bande, die von Paris bis in die Tschechei tätig war und regelmäßig nationale Räuberkongresse veranstaltete. Doch diese Ganoven wollten den Aufsteiger nie so recht akzeptieren. Schinderhannes’ heute nachweisbaren 130 Straftaten, darunter die Teilnahme an fünf Tötungsdelikten, haben ihm den erhofften Ruhm in der Kriminellenszene zu Lebzeiten zu spät gebracht. Bald schon musste er vom Hunsrück an den Main flüchten und kreuzte regelmäßig den Odenwald, wo er sich z.B. in der Gegend des Katzenbuckels in Schlupfwinkeln im Höllgrund, in Mülben und im Reisenbacher Grund aufhielt. Von hier soll er auch seine erste Tarnung haben, als er sich die Uniform eines Jägers machen ließ, mit der er später unerkannt und ohne von der Polizei angehalten zu werden, umherreiste.

Die Justiz holte Schinderhannes ein: Er endete mit 24 Jahren unter der Mainzer Guillotine. In Angesicht der Guillotine blieb Bückler nur die Rückschau auf wenige, aber besonders ereignisreiche Jahre, in denen er vom Odenwald bis in die Wetterau, von der Südpfalz bis in die Eifel unterwegs war. 


Das intensive Leben bescherte ihm immerhin mindestens vier Kinder, zwei davon hatte er mit Julchen, seiner letzten Liebe. Geradezu mit globalem Ausmaß verstreuten sich vor 200 Jahren Mittäter und Opfer, viele von ihnen endeten in Südamerika.

Der Referent, der auch über Schinderhannes promovierte, hat – ausgehend von einem Schulprojekt – in fast 25 Jahren weitestgehend alle Sagen und Tatsachenberichte des Schinderhannes in unserer Region zusammen-stellen und mehr als 1.000 Strafakten jener Zeit auswerten können. Um Schinderhannes auf die Spur zu kommen, war Scheibe lange Zeit in den Nationalarchiven in Paris tätig und forschte sogar in Südamerika für das Thema. 

Samstag, 24. September 2016: 9.00 Uhr: Bernd Fischer, Buchen: „Von Neubrunn zu Ernsttal – Die Umgestaltung eines Bauerndorfes zu einer Trabantensiedlung des Schlosses Waldleiningen“

Der Ausbau eines ausgedehnten Wildparks durch die Fürsten von Leiningen im hinteren Odenwald mit der Sommerresidenz Waldleiningen im seinem Zentrum veränderte das Siedlungs- und Landschaftsbild dieses Raums grundlegend. Bei der Umsetzung des Projekts wurden vier Bauerndörfer aufgekauft, die meisten Gebäude abgerissen und die Gemeinden aufgelöst. Im Mittelpunkt des Referats steht das etwa 2 km vom Schloss entfernt liegende Dorf Neubrunn. Es wurde, wie die anderen drei Dörfer in den 1830er Jahren aufgekauft. Zuerst entstand ein großer Gutshof. Dann wurde die Siedlung in Ernsttal umbenannt. Nachdem vom Fürsten eine Chaussee von Amorbach durch den Park an dem ehemaligen Dorf vorbei zum Neckar gebaut worden war, errichtete man eine Poststation mit Gasthaus und Schmiede. Als schließlich auch noch eine Brauerei erbaut wurde, verschwanden die letzten Häuser des alten Dorfes. Diese Umgestaltung wurde mit Hilfe mehrerer Karten und zeitgenössischen Abbildungen dokumentiert.

Hermann Neubert bei seinen Ausführungen zu den archäolo-gischen Funden im Bereich einer mittelalterlichen Latrine am Marktplatz in Miltenberg

Samstag, 24. September 2016: 10.00 Uhr: Hermann Neubert M.A., Miltenberg: „Von der Latrine in die Vitrine – Archäologie unter dem Museum. Eine mittelalterliche Latrine in Miltenberg - Ein Sensationsfund am Marktplatz“

Im Sommer 2008 fand man während Aufstellungs-arbeiten im Keller des Stadtmuseums Miltenberg (Abteilung Sepulkralkultur) unter dem Steinfußboden eine Einstiegsluke zu einer mit Bruchstein gewölbten Grube (Kaverne). Diese war bis nahe an die Decke verfüllt und mit Wasser vollgelaufen. Um Alter und Funktion des Befundes zu klären, mussten umfang-reiche Grabungen durchgeführt werden. Unter schwierigen Bedingungen schafften ein Archäologe und ein Restaurator über 30 Tonnen nassen Abraum per


Flaschenzug aus dem Gewölbekeller. Die Grube entpuppte sich schon bald als mittelalterliche Latrine. Museumsleiter Hermann Neubert sprach über die Geschichte und die Hintergründe dieser für Miltenberg außergewöhnlichen und spek-takulären Grabung. Die Ergebnisse der Erforschung der Funde erlauben einen bisher unbekannten Blick auf die historische Wohn- und Lebenssituation am Marktplatz. Die schönsten und bedeutendsten Funde werden künftig in zwei Vitrinen der Mittelalterabteilung im Museum. Stadt. Miltenberg zu bestaunen sein.

Samstag, 24. September 11.00 Uhr: Stefanie Funck M.A., Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Universität Marburg: „Bibel in Eisen – biblische Motive zur Gestaltung der Alltagswelt auf gusseisernen Ofenplatten des 16. Jahrhunderts“

Bibel in Eisen – Biblische Motive auf Ofenplatten des 16. Jahrhunderts

Die Reformation beeinflusste viele Bereiche des Lebens – auch die Ausstattung der häuslichen Welt. Kunsthandwerker entdeckten ab den 1530er Jahren die noch junge Technik des Eisengusses für sich und dekorierten die gerade in Mode gekommenen gusseisernen Öfen mit biblischen Geschichten. Sie erfüllten damit auch einen Wunsch Martin Luthers: Gottes Wort und Werk immer vor Augen zu haben. Führend in der Herstellung dieser „Bibelöfen“ waren die Hütten des ehemaligen Klosters Haina, die seit den 1520er Jahren Öfen fertigten. Die Entwürfe des Frankenberger Formschneiders Philipp Soldan (um 1500 bis nach 1569) prägten den Stil und waren weit über Hessen hinaus Vorbild für andere Künstler.

Museumsleiter Neubert bei seiner Einführung zur Geschichte und Konzeption des Stadtmuseums Miltenberg im Schnatterloch
Museumsleiter Neubert bei seiner Einführung zur Geschichte und Konzeption des Stadtmuseums Miltenberg im Schnatterloch

Ziel der Kurzexkursion am Samstagnachmittag war dieses Jahr das Stadtmuseum im Schnatterloch in Miltenberg, wo nach einer Einführung durch Museumsleiter Neubert das Museum mit seinen bedeutenden Sammlungen in über 40 Räumen in zwei Führungen besucht wurde.


Die diesjährige Ganztagesfahrt am Sonntag, den 25. 9. führte in das badische Frankenland mit dem Ziel:

 

Umpfertal – Boxberg – Schüpfer Grund, wo unter der sachkundigen Führung von Dr. Dieter Thoma unter anderem Angelthürn, Wölchingen („Frankendom“), Boxberg (Kirche, Museum, Schlossberg); Unterschüpf (Wasserschloss) und Oberschüpf (Wehrkirche des 12. Jahrhunderts mit Wandmalereien) besichtigt wurden. 



67. Neustädter Tagung vom 25.-27. 9. 2015

Freitag, 25. Sept. 2015, 15.15 Uhr: Dr. Hermann Schefers: „Einhard – Mark Michelstadt und Seligenstadt“

Nicht zuletzt anlässlich des Jubiläumsjahres „1200 Jahre Mark Michelstadt“ stand die Persönlichkeit Einhards, eine der herausragendsten Persönlichkeiten am Hofe Karls des Großen, im Mittelpunkt des Eröffnungsreferates „Einhard – Mark Michelstadt und Seligenstadt“, das von dem Leiter der Welterbestätte Kloster Lorsch, Dr. Hermann Schefers, gehalten wurde. Der Referent würdigte vor allem die Bedeutung der Schenkung der Mark Michelstadt für die Entwicklung des Klosters Lorsch und die Überführung der zunächst für das Kloster Steinbach in Rom geholten Reliquien der Heiligen Petrus und Marcellinus von Michelstadt-Steinbach nach Seligenstadt.

Freitag, 25. Sept. 2015, 16.15 Uhr: Dr. Thomas Maurer M.A.: Römerkastelle und Niederungsburgen – Neue archäologische Forschungen in der hessischen Rheinebene

In den vergangenen 10 Jahren hat sich der Forschungsstand zur römischen Besiedlung in der hessischen Rheinebene stark verbessert. Verantwortlich dafür ist ein Forschungsprojekt am Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt, in dessen Rahmen an mehreren Orten Ausgrabungen durchgeführt wurden (in Groß-Gerau, Astheim, Kelsterbach, Geinsheim, Wallerstädten und zuletzt – 2014 und 2015 – in Gernsheim).

Der Referent ist wiss. Assistent am Institut für Archäologische Wissenschaften (Abt. II) der Goethe-Universität Frankfurt am Main, selbst Mitglied des Frankfurter Archäologenteams und verantwortlicher Grabungsleiter in Wallerstädten und Gernsheim, gibt einen Überblick über die Forschungen. Im Mittelpunkt steht dabei einerseits die frührömische Zeit, also das 1. Jahrhundert mit dem allmählichen Vordringen römischer Macht über den Rhein in ein kelto-germanisch geprägtes Umfeld, anderseits die Spätantike mit dem Ende des römischen Einflusses in der Region und erneut zunehmendem germanischem Einfluss (Alamannen).

In einem zweiten Teil des Vortrags stand das hohe Mittelalter im Fokus, insbesondere die Burgenforschung. Hier hat sich in den letzten Jahren ebenfalls der Forschungsstand deutlich verbessert, was auf Aktivitäten der Gesellschaft terraplana e.V., eines regional tätigen Archäologievereins, zurückzuführen ist. Grabungen und Prospektionen am Wellberg bei Pfungstadt, am Weilerhügel bei Alsbach-Hähnlein und an der alten Burg Wolfskehlen werfen neues Licht auf den altbekannten Burgtyp „Motte“. Der Referent, selbst Vorsitzender von terraplana, gab anhand eines ausgezeichneten Bildmaterials einen Überblick über diese Forschungen.

Freitag, 25. Sept. 2015 17.15 Uhr: Ludwig H. Hildebrandt & Jochen Babist: Die Herstellung von eisernen Geschützen im Odenwald im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit

In vielen Übersichtswerken zum mittelalterlichen Bergbau in Deutschland wird auf den Odenwald gar nicht eingegangen, obwohl schon im späten 8. Jh. Erzbergwerke in der Region Weschnitz – Erzbach genannt werden. Auf der Basis von Geländekartierungen der alten Grubenfelder können die bis zum Dreißigjährigen Krieg abgebauten Eisenerzmengen inzwischen auf minimal 600.000 t Eisenerz beziffert werden. Bei der wichtigsten Lagerstätte, die diese Mengen lieferte, handelte es sich um eine kombinierte Verdrängungs- und Verwitterungslagerstätte im so genannten Zechstein-Dolomit, der an der Basis der Buntsandstein-Schichtstufe ausstreicht. Die Erze enthalten hohe Gehalte von Manganoxid und –Hydroxid, die bei der Stahlproduktion die Funktion eines natürlich vorhandenen Stahlveredlers übernahmen. Entsprechend früh wurden im Odenwald hervorragende Qualitäten produziert, die vor allem für die im 15. Jh. aufkommende Produktion von Feuerwaffen gefragt waren.

Im Vortrag wurden als Beispiele zwei wichtige Eisenhütten vorgestellt, die diese Verbindung zwischen Eisenerzbergbau und Rüstungsproduktion belegen:

a) Während des 1. Weltkrieges fand man beim Durchsuchen von alten Schlackenhalden bei Erzbach eine geschmiedete Pulverkammer und Teile von zwei gegossenen Stielbüchsen aus der ersten Hälfte des 15. Jh. Die Funde schienen verloren - konnten nun aber in Luxemburg wieder aufgefunden werden. Zusammen mit dem urkundlich 1450 genannten „Steinzehnten“ ein Beleg einer intensiveren Eisenindustrie.

b) Der aus Schwäbisch-Hall stammende Hüttenmeister Conrad Ensinger betrieb 1663-1670 in Michelstadt eine Eisenhütte. Laut einem in Norwegen 1974 aufgefundenen „Spionage“-Bericht von 1670 wurde schwere Schiffsartillerie für die Niederlande gegossen, und es war angeblich die beste Eisenhütte in ganz Europa. Zu dieser fast unglaublichen Nachricht konnten einige bestätigende Archivalien gefunden werden.

 

Samstag, 26.Sept. 2015, 9.00 Uhr: Thomas Steinmetz: Die Burg auf dem Schnellerts – kein unlösbares geschichtliches Rätsel

Die rätselhafte Burg im oberen Gersprenztal, die wir heute unter dem Namen „Schnellerts“ kennen, stand in jüngerer Zeit im Focus mediävistischer wie archäologischer Forschungstätigkeit. Dennoch sind wir in der Frage der Gründer und Besitzer dieser Burg nicht wirklich weitergekommen. Die früher als Burgherren vermuteten Herren von Crumbach kommen laut neuerer Forschungsergebnisse als solche kaum noch in Frage. Der Vortrag ging einen völlig neuen Weg, indem er die Erbauung dieser Burg mit dem Erwerb fuldischer Lehen im Gersprenz- und Kainsbachtal durch die Schenken von Erbach im frühen 13. Jahrhundert in Verbindung bringt. Weiterhin werden die bis ins 19. Jahrhundert vorhandenen niederadligen Lehen in Ober-Kainsbach als ehemalige Burglehen der Burg auf dem Schnellerts gedeutet, als deren historischer Name „Hochhausen“ vermutet wird.

Samstag, 26. Sept. 2015, 10.00 Uhr: Hans Winter: Kelche die vorübergehen – Rückblick auf 40 Jahre Denkmalpflege in Michelstadt und Erbach

Im Mittelpunkt des Referats standen Erbach und Michelstadt, zwei historisch bedeutsame Kleinstädte im Spannungsfeld zwischen Konservieren und Modernisieren. Der Referent, Oberstudienrat i. R., Stadtarchivar in Michelstadt und Mitglied des Denkmalbeirates des Odenwaldkreises lenkte den Blick anhand sehr instruktiven Bildmaterials auf die denkmalgeschützte Bausubstanz von heute mit Rückblick auf deren drohende Vernichtung in den 1970er Jahren. Dabei wurden bürgerschaftliches Engagement und Handeln der Denkmalpflege dargestellt.

Samstag, 26. Sept. 2015, 11 Uhr: Dr. Benno Lehmann: Der Vordere Odenwald in der Malerei des 19. Und 20. Jahrhunderts – Von Fohr über Schilbach u. Lucas zu Trübner und Kröh

Der Odenwald als eine in sich geschlossene Landschaftsregion wurde von den Darmstädter und Heidelberger Künstlern im Rahmen der romantisch-patriotischen Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschlossen. Hier waren es zunächst die Randgebiete wie Bergstraße und Neckartal, wozu auch der Vordere Odenwald gehörte, mit ihren zahlreichen Schlössern, Burgen und Ruinen, die von den Malern motivlich erfasst wurden.

Kurzexkursion nach Weckbach

Altes Rathaus in Limburg

Haus der Sieben Laster in Limburg

Mit entscheidend für die Entdeckung des Odenwaldes war die zunehmende Reiseliteratur und der beginnende Tourismus. Der „tiefe“ Odenwald selbst mit seiner vielfältigen Landschaftsgestaltung sowie den zahlreichen Dörfchen war erst nach 1890 Gegenstand der malerischen Erfassung. Zu dieser Tatsache trugen die allgemeine technische Entwicklung  (Eisenbahn), die Fotografie, aber auch ein erneuter Patriotismus bei. Der Vortrag beinhaltete eine Reise durch den Odenwald anhand von Gemälden und Zeichnungen von 19 Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts mit den dazu gehörigen Erklärungen.

Ziel der Kurzexkursion am Samstagnachmittag führte die Teilnehmer nach Weckbach in das Ohrenbachtal: Führung: Studiendirektor i. R. Theodor Stolzenberg

Die Präsentation mittels Beamer, die Besichtigung des Dorfmuseums und die Führung im Ort boten interessante Einblicke in die Geschichte Weckbachs, das 1266 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird. Um 1325 erhalten die Brüder von Aulenbach die Burg in Weckbach als Würzburgisches Lehen. Neben den Rüdt von Collenberg und anderen haben die von Erlebach in Weckbach eine wichtige Rolle gespielt. 1433 erhält Hans von Erlebach den Ort und die Burg als Mainzer Lehen. 1485 stiften seine Söhne Dieter und Dietrich die Kirche in Weckbach. 1651, als die Erben aus dem Hause Gemmingen das adlige Rittergut Weckbach dem Mainzer Kurfürsten zum Kauf anbieten, stehen von der Burg nur noch die steinernen Zargen. 2015 wurde ein Teil des früheren Burggeländes vermessen, wobei sich aufschlussreiche Fundamente zeigten. Im Ort gibt es noch einige steinerne Zeugen aus Weckbachs Vergangenheit, die an diesem Tag vorgestellt werden sollen.

Die Ganztagesfahrt am Sonntag, 27.9.2015 führte nach Limburg a. d. Lahn



66. Neustädter Tagung 2014

26. - 28. September 2014

Mit einer Besonderheit startete die diesjährige 66. Neustädter Tagung des Breuberg-Bundes am Freitag, dem 26.9., zu welcher der 1. Vorsitzende Winfried Wackerfuß unter den zahlreichen Teilnehmern auch den Landrat des Odenwaldkreises Dietrich Kübler und den Breuberger Bürgermeister Frank Matiaske begrüßen konnte. Denn der Referent des ersten Referates „Präsentation der Digitalisierung des Südhessischen Wörterbuchs“ Prof. Dr. Otto Volk vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landes-kunde in Marburg überreichte dem 1. Vorsitzenden 


im Auftrag der Direktorin des Landesamtes Frau Prof. Dr. Braasch-Schwersmann eine besonderes Geschenk als Dank dafür, dass der Breuberg-Bund dieses Projekt großzügig gefördert hat. Noch nicht ganz 24 Stunden vor dem Referat in Breuberg-Neustadt durch Herrn Prof. Volk war die Digitalisierung des Südhessischen Wörterbuchs im Internet freigeschaltet worden.

Damit ist dieses großlandschaftliche Wörterbuch des dialektalen und regionalsprachlichen Wortschatzes des südhessischen Sprachraums, dessen Anfänge bis 1925 zurückreichen, nun auch online. Den Hauptverdienst daran hatte der zweite Referent Dr. Roland Mulch, der nach jahrzehntelanger Bearbeitung die schriftliche Version schließlich 2010 abschließen konnte. Das Material stammt aus etwa 650 Orten von über 250 Auskunftgebern in den beiden südlichen Provinzen des ehemaligen Großherzogtums Hessen, Starkenburg und Rheinhessen. Bei seinem teilweise mit Humor und Spott gewürzten Vortrag über „Ausdrücke der Trunkenheit im Südhessischen“ konnte der Referent folglich auf einen immensen Fundus zurückgreifen. Ebenfalls dem sprachlichen Bereich zugehörig war das letzte Referat am Freitagnachmittag „Ich bin ein Ottenwälder von Geburt …“ (Georg Christoph Lichtenberg) – Der Odenwald in der Literatur“ von Prof. Ulrich Joost, Darmstadt.

Das Referat „Der Stiefelstreit oder conspiratio der Konversen im Kloster Schönau wegen der Nachtschuhe“ von Frau Petra Autenrieth-Beisel machte deutlich, dass die tiefere Ursache für den Konflikt zwischen den Konversen und den Mönchen bzw. dem Abt dieses Klosters im südlichen Odenwald um das Jahr 1180 letztlich in der besonderen Wirtschaftsverfassung des Zisterzienserordens zu suchen ist.

Mit der ältesten Landkarte der Grafschaft Erbach und der Herrschaft Breuberg beschäftigte sich der Vortrag „Bernhard Cantzlers Karten der Grafschaft Erbach von 1623/28 und ihr Fortleben in der niederländischen Atlasproduktion des 17. Jahrhunderts“ von Dr. Johann Heinrich Kumpf aus Berlin. Die Karte wurde von dem gräflich erbachischen Keller Bernhard Cantzler in Michelstadt (*um 1563/66-Ϯum 1626/28) gezeichnet. Bislang war nur ein Frankfurter Druck von 1628 bekannt. Der Referent hat nun in Bibliotheken in Moskau und Regensburg eine fünf Jahre ältere Fassung dieser Karte mit Randvermerken aus dem Jahr 1623 entdeckt, die er den Tagungsteilnehmern vorstellte und dabei auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in beiden Versionen einging.

Wilhelm Otto Keller erläuterte in seinem Referat „Kloster und Fürst – Die Säkularisation des Klosters Amorbach 1802/03“ zunächst einmal die Ausgangssituation: Für das von den französischen Revolutionsheeren aus seinen linksrheinischen Stammlanden vertriebene Fürstenhaus zu Leiningen schuf der Reichsdeputations-hauptschluss vom Februar 1803 ein neues, souveränes Fürstentum zwischen Main, Neckar und Tauber. In diesem Vertragswerk wurde das Kloster Amorbach ausdrücklich als Teil der Entschädigung für die linksrheinischen Verluste genannt. Im Mittelpunkt des Referats standen dann die vielfältigen Fragen und Probleme, die sich im Zusammenhang mit der Aufhebung des Klosters ergaben.

Ziel der Kurzexkursion am Samstagnachmittag war Mespelbrunn im Spessart, wo eine Führung durch das reizvolle Wasserschloss stattfand.

Die Ganztagesfahrt am Sonntag führte in die Mittelhardt an der Deutschen Weinstraße in der Pfalz mit den Schwerpunkten Hardenburg, ehemaliges Kloster Limburg, Bad Dürkheim, villa rustica bei Wachenheim und Deidesheim.


Teilnehmer der Ganztagesfahrt nach Mainz vor der restau-rierten Nagelsäule, die 1916 als Spendendenkmal für Kriegsopfer errichtet worden war

65. Neustädter Tagung 2013

 

Aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet und dem Neckar-Raum, aber auch Nordrhein-Westfalen und der Bodensee-Gegend kamen die Teilnehmer zur 65. Herbsttagung nach Breuberg-Neustadt. Über 100 Interessierte verfolgten die verschiedenen Vorträge und Referate bzw. nahmen an der Kurzexkursion nach Erbach und der Ganztagesfahrt nach Mainz teil.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den 1. Vorsitzenden Winfried Wackerfuß referierte die Ärchäologin Dr. Solveig Möllenberg vom Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart über das Thema „Denkmale, Bodenerosion und Mineralisierung – Über das leise Verschwinden von Bodendenkmalen“. 


Das Referat machte unter anderem klar, dass Oberflächenfunde nicht nur die Lage von archäologischen Fundstellen markieren, sondern dass sie auch Indiz sind für ihre Zerstörung durch die Erosion von fundführenden Bodenschichten.

Anschließend stellte der Leiter der Welterbestätte Lorsch Dr. Hermann Schefers in seinem Referat „Weltkulturerbe Kloster Lorsch – neue Wege zu einem alten Ort – Freilichtlabor karolingischer Herrenhof „Lauresham“ – Zur Veranschaulichung der Lebenswirklichkeit im Kloster Lorsch“ dieses vor einigen Jahren begonnene Großprojekt vor, dessen Planung und Leitung in seinen Händen liegt. Mit Investitionsmitteln aus verschiedenen Quellen wird der einstige Klosterpark umgestaltet, die Zehntscheune zu einem Schaudepot aufgewertet und die Klostermauer saniert. Am östlichen Ortsrand von Lorsch entsteht auch eine Art Freilichtmuseum, mit dessen Hilfe das für Lorsch so wichtige Phänomen „Grundherrschaft“ im Frühmittelalter anschaulich werden soll. „Als Modelle vergangener Lebenswirklichkeit sind solche Vorhaben legitime didaktische Kunstgriffe“, so Dr. Hermann Schefers. Durch die verschiedenen Maßnahmen soll Lorsch zum internationalen Zentrum für Frühmittelalterforschung ausgebaut werden.

Einen Höhepunkt der diesjährigen Tagung bildete die Vorstellung des neuesten Bandes der Reihe „Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften“, dessen erstes Exemplar der Herausgeber und 1. Vorsitzende Winfried Wackerfuß dem Bürgermeister und 2. Vorsitzenden des Breuberg-Bundes Frank Matiaske überreichte. Dieser achte Band mit Beiträgen zur Geschichte und Kultur des Odenwaldes umfasst 536 Seiten mit 347 Abbildungen, sehr viele davon in Farbe.

Am Folgetag stellte Heinz Reitz in seinem Referat „Der Odenwald im Jahre 1789 – Präsentation des Odenwald-Atlasses“ zunächst die Territorienkarte für den „Rhein-Main-Neckar-Raum mit Odenwald im Jahre 1789“ vor. Es ist das neueste Ergebnis des vom Breuberg-Bund herausgegebenen und finanzierten Kartenprojektes „Odenwald Atlas“. Dabei zeigte er auch die bisher in dieser Reihe erschienenen Kartenblätter und schilderte Arbeitsweisen und wissenschaftliche Grundlagen.

In dem anschließenden Vortrag „Der Bildhauer Zacharias Juncker“ stellte Achim Ullrich aus Walldürn drei Generationen der bekannten Bildhauerfamilie Juncker, mit dem zeitlichen Schwerpunkt ihres Schaffens zwischen 1580 und 1680 vor. Ihre Werkstätten befanden sich am östlichen Rand des Odenwalds und am Untermain: In Walldürn, Miltenberg, Aschaffenburg und Würzburg. Ihre meisten bekannten Arbeiten, die den Übergang von der Spätrenaissance zum Frühbarock nachzeichnen, finden sich räumlich zwischen Mainz und Weikersheim.

Die Kunsthistorikerin Dr. Jutta Reisinger-Weber sprach abschließend über „Evangelische Pfarr- und Beichtstühle im Breuberger Land“ und erläuterte zunächst kurz das Beichtverständnis und die Beichtpraxis in der evangelisch lutherischen Kirche. Im Vordergrund der Betrachtung stand ein heute fast vergessenes Kirchenmöbel: der lutherische Pfarr- und Beichtstuhl. In einem weiteren Teil wurde die Entwicklung dieses Kirchenmöbels skizziert und dann die Pfarr- und Beichtstühle im Breuberger Land vorgestellt. Die meisten sind noch an Ort und Stelle vorhanden, doch nicht überall ist ihre ehemalige Funktion bekannt bzw. sofort zu erkennen. Zum Abschluss erwähnte sie den ehemaligen Pfarr- und Beichtstuhl der ev. Kirche zu Rai-Breitenbach, der bis in die 1950er Jahre noch im Chorraum stand, dann aber ausgelagert wurde.

Die Kurzexkursion am Samstagnachmittag führte nach Erbach ins Schloss zur Sonderausstellung „Die kurfürstlichen Schenken von Erbach. Eine Dynastie im Dienste der Wittelsbacher“.

Den Abschluss der Tagung bildete die Ganztagesfahrt am Sonntag nach Mainz, wo im Rahmen von Führungen, das römische Theater, die Zitadelle, der Drususstein, das Museum für Antike Schifffahrt, der Dom u. a. besucht und besichtigt wurde. 


Die Teilnehmer an der Kurzexkursion: Geschichte und Bau der Vielbrunner ev. Kirche mit dem aus dem 1495 stammen-den Westturm wurden im Detail erläutert und besichtigt.

64. Neustädter Tagung 2012

 

Zur 64. „Neustädter Tagung“ des Breuberg-Bundes vom 28. bis 30. September 2012 waren die über 100 Teilnehmer teilweise von weither angereist, wie der 1. Vorsitzende Winfried Wackerfuß bei seiner Eröffnung feststellen konnte. Wieder bildeten die Referate in der Breuberghalle – fast durchweg unterlegt mit einem ausgezeichneten Bildmaterial – , sowie eine Kurzexkursion und eine Ganztagesfahrt den Kern dieser beliebten Veranstaltung, die wie immer zu einem Forum aktueller Geschichts-forschung im Odenwald wurde.


Zu Beginn der Tagung am Freitagnachmittag referierte Prof. Dr. Holger Gräf vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg über „Die Memoiren des Philipp Jakob Hildebrandt Jr. (1770-1840) – Ein Jakobiner als Prinzenerzieher der Erbacher Grafen“. Im Anschluss daran ging Winfried Wackerfuß in seinem Referat nochmals auf die gleiche Person ein und die beiden Handschriften, das „Handbüchlein der Grafschaft Erbach“ und die „Geographie der Grafschaft Erbach“, welche Hildebrandt in seiner Zeit als Hofmeister der Grafen von Erbach-Schönberg angefertigt hat.

In seinem Referat „Die Arnheider Kapelle – Geschichte, Merkmale und Konservierung eines frühmittelalterlichen Bauwerks“ beschrieb Diplom-Restaurator Hanno Born die wechselvolle Geschichte dieses frühmittelalterlichen Sakralbaues. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte er ihre bautechnischen Merkmale mit dem Schwerpunkt auf das mit Lehmmörtel errichtete Mauerwerk der Arnheider Kapelle, welches für mitteleuropäische Sakralbauten eine Besonderheit darstellt.

Von Miltenberg über Bullau bis nach Trebur am Rhein reichten die zahlreichen Beispiele, die der Frankfurter Archäologe Dr. Alexander Reis in dem ersten Referat am Samstagvormittag „Die Wiederverwendung römischer Antike am Mainlimes und im Odenwald“ anführte. Zahlreiche römische Steindenkmäler, z.B. Viergöttersteine, Bruchstücke von steinernen Inschriften, Reste von römischen Grabmälern etc., wurden in Mittelalter und Neuzeit in anderen Zusammenhängen wiederverwendet. Noch bis ins 20. Jahrhundert vermauerte man diese Steine in Gebäuden. Unheilabwehr, inszenierte Geschichte und christliche Interpretation waren unter anderem die Gründe für diese Wiederverwendung in späterer Zeit.

Danach sprach der Dipl.-Geologe Jochen Babist zu dem Thema „Vom Lorscher Codex zu den „Abgelöststeinen“ – Der Eisenerzbergbau im mittleren Odenwald im Spiegel territorialer Machtausübung“. Auf der Basis montanarchäologischer Untersuchungen wurden den Tagungsteilnehmern interessante Einblicke in die Organisation von Abbau und Verhüttung, sowie in die strategische Bedeutung gegeben, die das Eisenerz-Vorkommen vor und während des Dreißigjährigen Krieges erreicht haben muss.

Scherben, vor allem aber die Reste von reliefierten Ofenkacheln geben uns eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie prächtig die einstige Innenausstattung auf Burgen gewesen sein dürfte. Dies machte der Vortrag von Harald Rosmanitz „Eine Frage des guten Geschmacks – Kachelöfen auf Burgen im Odenwald und Spessart“ deutlich. Die Bilderwelt, die man sich im Odenwald und im Spessart auf den Kachelöfen vorzustellen hat, war topaktuell. Designer schufen damals in Dieburg, Frankfurt a. Main und Nürnberg nach neuesten Ideen Reliefs, die in kürzester Zeit auch auf den Adelssitzen zu bestaunen waren.

Die Kurzexkursion am Samstagnachmittag führte nach Vielbrunn, das dieses Jahr sein 1000 jähriges Bestehen feiert, und wo unter Leitung von Norbert Allmann der rekonstruierte römische Wachtturm am Limes und danach die evangelische Kirche und der Haingerichts-platz besichtigt wurde.

Den Abschluss der Tagung bildete die Ganztagesfahrt am Sonntag in die Wetterau in das Keltenmuseum auf dem Glauberg und nach Büdingen zur Stadt- und Schlossbesichtigung.